Oberschule an der Egge

mit Gymnasialer Oberstufe

Nachruf: In Memoriam Harry Callan

Text von: Frau Eichmann

Harry Callan, unser Freund und Schulpate im Projekt „Schule ohne Rassismus“, Namensgeber unseres seit 2005 alljährlich am 26. April stattfindenden „Harry-Callan-Laufes“ am Denkort Bunkler Valentin ist am Dienstag, den 24. September 2019 im Alter von 95 Jahren in Lusk, County Dublin gestorben. Am 19.11.2019 wäre er 96 Jahre alt geworden.

Harry wurde von den Nazis von 1943 bis 1945 zur Arbeit am Bunker Valentin in Bremen Farge gezwungen. Er war einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen des Bunkerbaus, den er als junger Mann von Anfang an miterlebte und am dem er fast zugrunde gegangen wäre.

Harry Callan wurde am 19. November 1923 in Derry, Nordirland (man muss dazu sagen, die katholischen Iren nennen es weiterhin Irland) geboren. Mit 14 Jahren begann er eine Lehre als Matrose und Stewart bei der britischen Handelsmarine und fuhr dann mit 17 als Matrose für die Briten auf unterschiedlichen Schiffen nach Afrika, Nord- und Südamerika. Er erlernte auch den Fleischerberuf.
Nachdem im Januar 1941 sein Schiff von einem deutschen Kreuzer aufgebracht und versenkt worden war, wurde er zunächst in Bordeaux in offenen Lagern interniert. Im Juli 1941 kam er ins Kriegsgefangenenlager XB Sandbostel, im Januar 1942 ins Milag Nord nach Westertimke. Als Harry und 31 seiner Mitgefangenen sich weigerten, freiwillig für die Deutschen zu arbeiten, wurden sie der Bremer Gestapo übergeben und im Arbeitserziehungslager Bremen-Farge inhaftiert. Sie wurden nun gezwungen unter brutalen Bedingungen auf der Bunkerbaustelle zu arbeiten. Fünf von ihnen starben in Farge an den Folgen der Haft und Zwangsarbeit.

Im März 1945 wurde Harry mit den anderen überlebenden irischen Seeleuten zurück nach Westertimke gebracht, wo er schließlich von britischen Truppen befreit wurde. Zurück in seiner Heimat musste er sich von seinen Krankheiten und der Unterernährung erholen.

Sechs Monate konnte er nicht richtig sehen und erst nach einem Jahr wieder zur Arbeit gehen. Fortan schwieg er über die schlimmen Erlebnisse, die er während des Zweiten Weltkrieges in Farge gemacht hatte. Trotz seiner Alpträume, von denen seine Frau und Kinder berichteten, teilte er sich nicht mit und vergrub seine traumatischen Erfahrungen tief.

Mehr als 50 Jahre mussten vergehen bis die Irish Seamens Relatives Association eine Entschädigung der irischen Seeleute durch den in Deutschland eingerichteten Fonds für ausländische Zwangsarbeiter*innen durchsetzen konnte. In dieser Zeit konnte die Association auch Harry Callan dazu ermutigen über sein Schicksal zu sprechen. Es fiel ihm sehr schwer.
Harry Callan’s first revisit in Farge 2012

Seitdem kehrte Harry jedes Jahr im April nach Deutschland zurück, um seiner verstorbenen Kameraden zu gedenken und an sie zu erinnern. Er besuchte den Militärfriedhof Rheinsberg, Westertimke, Sandbostel und den Bunker „Valentin“.

In Interviews und Zeitzeugengesprächen, die ich am Denkort (zum Anfang noch in der ehemaligen Bundeswehrkantine) für die Oberstufenkurse in Geschichte und das Sportprofil der Oberschule an der Egge organisierte, wurden meine Übersetzerinnendienste gebraucht und ich lernte Harry kennen. Wir wurden Freunde.

Ich war beeindruckt von seiner Persönlichkeit, seinem Charme, der trotz der schlimmen Erlebnisse stets durchkam, und von seiner Offenheit unseren Schülern und Schülerinnen gegenüber. Er berichtete ihnen und auch den Kolleg*innen, den Freund*innen der engagierten lokalen Geschichtsvereine und der Lokalpresse von seiner Leidenszeit, aber auch davon, wie es ihn gerettet hatte, dass der damalige Lagerarzt Dr. Heidbreder ihm nach einer schweren Krankheit erlaubte, fortan in seinem Garten zu arbeiten. Die Fragen der Schüler und Schülerinnen meiner Geschichtskurse beatwortete er unumwunden und offen. Wir alle waren bewegt von ihm!

Den Oberstufenschüler*innen vergaß er nicht zu sagen, dass er selbst in ihrem Alter (gerade 18-19) war, als er gezwungen wurde mit einer einfachen Schaufel die Baugrube auszuheben. Seine Berichte wurden zu exzellenten Geschichtsstunden.

Ihm zu Ehren findet jährlich der Harry-Callan-Lauf der Oberschule an der Egge statt. Bis April 2018, als er Bremen das letzte Mal besuchte, gab er jährlich das Startsignal für den Lauf und feuerte die teilnehmenden Schüler*innen an.

2017 veranstalteten wir in unserer Schul-Aula bei einer Großveranstaltung mit Vertretern der irischen Botschaft aus Berlin, Politikern, Historikern, Zeitzeugen und den Schüler*innen und Eltern der Oberschule an der Egge die Neuerscheinung seiner Biografie durch Harry selbst und die Autorin Michèle Callan, seiner Schwiegertochter (German book release).

Zuletzt besuchte er Bremen im April 2018 und wurde im Rathaus vom damaligen Bürgermeister Carsten Sieling empfangen.

Am Denkort Bunker Valentin organisierten wir erneut ein Zeitzeugengespräch mit mehr als 70 Schülerinnen und Schülern unserer Oberschule an der Egge und der Oberschule Rockwinkel und Michèle Callan stellte die neue deutschsprachige Ausgabe seiner Biografie Forgotten Hero of Bunker Valentin – Die Geschichte von Harry Callan vor. Im Anschluss legten wir Blumen nieder und gedachten der Opfer.

Danach gab Harry – ja, trotz der Rührung, so war er auch – mit seinem Regenschirm das Startsignal für den „Harry Callan-Lauf“ unserer Oberschule an der Egge. Leider habe ich das Foto nicht, sehe es aber noch vor Augen.

In Bremischen Buchläden und an der Jacobs University gab es Buchvorstellungen und Harry musste viele Exemplare handsignieren. Seine Reise führte ihn auch zu den lokalen Vereinen, dem Geschichtslehrpfad Lagerstrasse und der Gedenkstsätte Baracke Wilhelmine, auch zur Gedenkstätte Lager Sandbostel und zu Gedenkgottesdiensten in der Region. Harry war Ehrengast und hatte hier in der Region viele Freundinnen und Freunde.

Harry besaß Charme, Wärme, viel Humor und eine außergewöhnliche Freundlichkeit. Die Begegnungen mit ihm und seiner Familie waren für uns alle berührend und bewegend.
Wir werden ihn vermissen. Wir trauern mit seiner Familie.

Schülerinnen und Schüler und Kolleginnen und Kollegen der Egge und Monika Eichmann

Besonders empfehlenswert ist Michèle Callans Homepage für ihr Buch Forgotten Hero of Bunker Valentin. Hier kann man vieles über Harrys Leben entdecken:

https://www.forgottenheroofbunkervalentin.com/
https://www.senatspressestelle.bremen.de/detail.php?gsid=bremen146.c.324476.de&asl=bremen02.c.732.de
https://www.bremische-buergerschaft.de/index.php?id=35&tx_ttnews%5Btt_news%5D=1326&cHash=73ff1b695a007f27fcf198613ae755df
https://trauer.weser-kurier.de/mobil/traueranzeige/harry-callan
https://www.denkort-bunker-valentin.de/aktuell/news/beitraege/news/harry-callan-ist-gestorben.html?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=74b8a440e89d3cf67a83b935a0b2a39e
https://www.facebook.com/DenkortBunkerValentin/
https://www.bild.de/regional/bremen/bremen-aktuell/er-schuftete-am-bunker-valentin-zwangsarbeiter-harry-callan-95-tot-64939678.bild.html
https://www.geschichtslehrpfad.de/mitglieder/callan.htm
http://oberschuleanderegge.de/diesjaehriger-harry-callan-lauf/
https://weserreport.de/2017/05/bremen-bremen/stadtteile/nord/das-leben-des-zwangsarbeiters-harry-callan/